Kongress der Geister, oder wie ein Denkmal gemacht wird.
Wir die Architekten stehen vor einem Haus mit einem kleinen Garten, es heißt, das wurde unserer Generation von der Vorgängergeneration vererbt. Wir beobachten das kleine Anwesen und überlegen, wer sich denn nun um das Haus kümmern muss und ob die aus der Vorgängergeneration überhaupt Häuser, einfach so in die Nachfolgegeneration vererben dürfen?
Es handelt sich bei diesem Vererben scheinbar um etwas, was eine Generation mit Ihrer Idee von einem Denkmal, als generationsüberspannendes Gebilde gestartet hat und sich daraus speist, dass diese Idee über die Folgegenerationen bis hin zu uns, die vor dem Denkmal stehen, akzeptiert wird, oder werden soll. Das macht uns Architekten und nicht Architekten, zu einem Teil eines Systems, welches unserem Immobilien Portfolio einen Denkmalanteil, von aktuell im Netz recherchierten, 3% geschenkt hat.
Irgendwie sind wir alle überrascht, dass ein solches Gebilde funktioniert und Denkmäler durch die Zeit transportieren kann.
Nun könnte man befürchten, dass alle weiteren Generationen auch Denkmäler schaffen wollen und die 3% immer größer wird. Wie wird die Zahl reguliert? Zumindest könnten wir ja mal rechnen, wie viele von den Häusern, die wir in unserer Generation geschaffen haben, irgendwann in eine Baudenkmalliste aufgenommen werden und welche Denkmäler verfallen, falls letzteres überhaupt zulässig ist. Was als regulierende Kraft im Hintergrund bleibt, ist das Denkmäler auch wieder von Denkmallisten gestrichen werden können. Wobei ich mir gar nicht vorstellen kann, wie sich derjenige fühlt, wenn er ein ehemaliges Baudenkmal, dem willkürlichen Umgang der Menschen aussetzt.
Eine junge Frau fragt, „Warum wir denn den Aufwand für die Denkmälern betreiben?
Immerhin könnten wir ja auch alles Alte abbrechen, um der Entwicklung des Neuen nicht im Wege zu stehen, oder die Haltung haben, das schnelles Loslassen zu einem intuitiveren und damit besseren Umgang mit der Zukunft führt“.
Alle schauen auf das schöne alte Haus mit dem Garten, welches sich nun neben den schicken Neubauten als Mahnmal positioniert.
Sie fragt weiter, „Was ist also der Ertrag, wenn wir dem Alten einen Wert geben und es festhalten? Benutzen wir die Bücher, Bilder, Musik, Oldtimer bis hin zu unseren Baudenkmälern als Verbindungslinien in eine vergangene Zeit, um von dort was zu erhalten was wir dringend benötigen? Versuchen wir aufgrund des generationsübergreifenden Gebildes, die Verbindungslinie bis in die Zukunft zu führen, da wir auch von dort was benötigen?“
Ein Mann mit grauen Haaren, der mich an Dumbledore von Harry Potter erinnerte, meldet sich:
„Ich denke, dass wir mit diesen Linien versuchen, die Zukunft als Ableitung aus der Vergangenheit zu erfassen. Denn die Zukunft können wir uns nicht erklären, sie bleibt uns trotz aller Befragungen verschlossen, was unserem Streben nach Sicherheit widerspricht. Genauso ergeht es uns mit unserer Gegenwart, also dem was um uns herum direkt passiert und bei der Betrachtung sofort zu etwas wird, was bereits da ist und sich dann als Vergangenheit darstellt. Somit fallen die Zukunft und Gegenwart als berechenbare Größen für die Planung unserer nächsten Schritte aus. Also bleibt von dem, was wir in unserer Realität als gegeben hinnehmen und uns durch unsere Sprache bekannt ist, nur noch die Vergangenheit übrig. Somit stehen wir mit den Fragen der Menschheit in einem Strom von Ereignissen, die im Augenblick der Wahrnehmung durch uns, in unserem Archiv enden und uns zu Archivaren macht, die aus Ihren Archivalien Ableitungen konstruieren, die dann bis in die Zukunft gebaut werden, um uns eine Struktur für ein begreifbares Leben zu schaffen. Ob wir dadurch unsere Fragen beantwortet bekommen, bleibt ungewiss.
Dumbledore fragt, ob wir mit Ihm eine Zeitreise antreten wollen. Alle sind verwundert und keiner antwortet.
Er verkündete: „Wir starten unsere Reise mit unserem Blick in die Zukunft und dort sehen wir unsere Nachfolgegeneration, aus dessen Augen wir die Vorgängergeneration sind und wenn wir zurückschauen, sehen wir auch unsere Vorgängergeneration. Diese Zeitspanne stellen wir uns nun als einen Zeitstrahl vor, der 500 Jahre zurück und 500 Jahre in die Zukunft reicht. Auf diesen Strahl, von 1000 Jahren, positionieren wir alle vorhandenen Häuser, irgendeiner Stadt, nach ihrer Errichtungszeit“.
Vor meinem inneren Auge und hinter Dumbledore, erscheint nun ein leuchtender bunter horizontal verlaufender Zeitstrahl, mit endlos vielen kleinen Punkten, der sich als eine riesige Kunstinstallation auftut.
Dumbledore führt weiter aus:
„Wenn wir den Zeitstrahl und die sich darauf befindlichen Häuser nun interaktivieren, erscheinen die Häuser entsprechend ihrer Errichtungszeit als bunte Lichter, die sich mit der Bewegung in die Zukunft als Linien fortsetzen, um dann nach Ablauf der Nutzungsdauer und ihren Abbruch, wieder zu verschwinden“.
Was für ein Spektakel denke ich.
„Was uns auf dem Zeitstrahl nun auffällt ist, dass die Linien der Denkmäler im Zeitstrahl viel länger verbleiben als die Linien der normalen Häuser. Teilweise bleiben die Denkmallinien über die 1000 Jahre bestehen, währende neben ihnen unzählige kleine bunte Linien auftauchen und wieder verschwinden“ Dumbledore schaute nun theatralisch in den Himmel und verkündet:
„Die Linien der Denkmäler sind die Konstante, die uns ein beständiges Muster, in dem großen Farbrausch schenken“.
Ja, so war es auch für mich, der Zeitstrahl ist zu einem flackernden farbenfrohen Lichtermehr herangewachsen, welches nur durch die wenigen aber langen Zeitlinien der Denkmäler geordnet wird und der gigantischen Kunstinstallation eine Struktur gibt.
„Bedanken wir uns bei den Geistern, die über die vergangenen Zeiten aus den Denkmälern heraus berichten und es geschafft haben, die 3% Dokumentation des Vergangene zu uns und hoffentlich auch an die Nachfolgegenerationen zu transportieren".
Die junge Kollegin meldet sich zu Wort:
„Habe ich es richtig verstanden, dass das, was uns bleibt, ein verzweifeltes Leben in einem Archiv ist, aus dem wir, mithilfe der Denkmäler versuchen auszubrechen, um uns Richtung Zukunft zu hangeln, über eine Gegenwart die nicht exitiert?"
Die Frage bleibt unbeantwortet.
Wir stehen immer noch vor dem Haus mit dem Garten. Ein Kollege hat angefangen kleine Löcher in die Wände zu kratzen und während er in ein Loch schaut sagt er, „das Haus ist nicht mehr so wie es mal gebaut wurde, es wurde umgebaut, verändert, umgestrichen, es sind Menschen ein und ausgezogen. Sofern jemand glaubt, dass uns das Denkmal dabei hilft, dass Unbekannte zu überwinden, solltet Ihr wissen, dass das Denkmal selbst für uns was Unbekanntes sein sollte, spätestens dann, wenn sich die interpretationsreichen Oberflächen, mit den zahlreichen Assoziationen der Besucher verbinden.
Ein Vogel, der auf einem Ast, direkt über der Gruppe sitzt, fing an sein lautes eindringliches Lied zu singen.
Nach einem großen Durcheinander werden wir erneut durch helle Lichtreflexe in den Bann des Zeitstrahls gezogen. Die Linien der Denkmäler werden durch die Veränderungen und Umbauten in weitere Linien auffächerten, die sich dann mit den Lichtpunktgruppen der Besucherassoziationen, verbinden.
Über das Bild kommen wir zu der Frage, ob die für uns so wichtigen Geister der Vergangenheit, angesichts der zahllosen Einflüssen, die ein Denkmal auf der Reise durch die Zeit erlebt, uns überhaupt Orientierung schenken können, oder ob wir uns bei der Orientierung durch das Vergangene, lieber auf alte Filme, Musik, Texte oder Bilder fokussieren sollten.
Ein Kollege mit einer runden Architektenbrille erhebt das Wort:
„Sehen Sie nun endlich die Gefahr, wenn wir am Ende der Diskussion den Ersatzfür die Baudenkmäler diskutieren? Wir die Architekten sind gegenüber den bauzeitlichen bis hin zu den in der Zukunft befindlichen Generationen verpflichtet, hier Abhilfe zu schaffen. Wenn es so ist, dass auf der Reise der Denkmäler so viele unterschiedliche Geister ihre Geschichten erzählen,
ist es ja kein Wunder, das die Besucher irritiert sind. Ich sehe die Gefahr, dass das alles irgendwann bekannt wird und das wir dann unsere Einflussmöglichkeiten verlieren. Hier beginnt unsere Verantwortung, wir müssen über die Reparatur der Erinnerungspunkte Ordnung schaffen. Wenn die zeitlich passenden Geister weg sind, müssen wir Sie durch die Hintertür in die Denkmäler zurücktreiben und dafür sorgen, dass sie sich den Vorsitz am Küchentisch zurückzuerobern.
Er wurde immer lauter: Wir die vorstehenden Bauleute werden durch eine direkte Intervention die richtigen Geister einsetzen.
Ja ihr habt richtig gehört. Wir greifen in die Projektionsfläche der Menschen ein und korrigieren die ordnungsgebenden Parameter. Die Waffe mit der wir das machen können lautet: Wir machen eine Ausstellung!
Leicht zeitversetzt ging ein Raunen durch die Gruppe.
Wieder wurden wir auf den Zeitstrahl hinter Dumbledore aufmerksam. Auf den Zeitlinien der Denkmäler erschienen nun neben den Entstehungs.- und Veränderungspunkten und Assoziationspunkten, zusätzliche Ausstellungspunkte, die im Rhythmus der Ausstellungseröffnungen blinken und deren Frequenz sich durch die immer länger werdende Veränderungsgeschichte des Hauses, stetig veränderten. Die Symphonie des Zeitstrahls hinter Dumbledore, der nun schweigend zu seinen Jüngern schaut, hat sich in ein loderndes rauschendes Farbenmeer verwandelt.
Der Exkursionsleiter meldet sich mit freundlicher Stimme und verkündete, dass er die Diskussion nun unterbrechen muss, es ist 16.00 Uhr, der Bus fährt zurück. Die Symphonie hinter Dumbledore erlöscht langsam. Die Gruppe fängt an sich erleichtert über andere Themen auszutauschen und geht Richtung Bus. Von meinem Platz sehe ich Dumbledore die Straße herunterschlendern.
Er gehörte vielleicht gar nicht zu unserer Gruppe. Ich fange an mich für dieses Thema mit den Denkmälern zu interessieren. Einen Kongress der Geister müsste man machen, denke ich, als der Bus anfährt, zurück Richtung Stadt.
Juli 2026